Lehm und Kalk
Lehm
Lehm ist auf allen Erdkontinenten vorhanden und wird traditionell praktiziert. Als Baustoff ist er ein kaum verändertes Rohmaterial und leistet deshalb einen Beitrag zum Schutz von Ressourcen, seltenen, nicht erneuerbaren Rohstoffen und reduziert den Einsatz fossiler Energien. In der Herstellung von Lehmbaustoffen wird wenig graue Energie benötigt und dadurch die industrielle Verschmutzung verringert. Die unschlagbaren Eigenschaften von Lehm wie Feuchtesorptionskraft, Natürlichkeit, Sinnlichkeit, Ästhetik, Recyclingfähigkeit, regionale Verfügbarkeit, Gesundheit, Widerstandsfähigkeit, schonende Verarbeitung etc. sind heute bekannt und haben sich als Argumente für gesundes und nachhaltiges Bauen gefestigt. Neue DIN-Normen im Lehmbau (DIN 18940-18948) geben Lehmbautechniken in unserer industrialisierten Welt eine breitere Chancenmöglichkeit im Neubau und in der Sanierung und für Planende Sicherheit.
Für viele Länder dieser Erde bedeutet Lehm aber noch viel mehr als nur ein Rohmaterial für Baustoffe. Laut Hubert Guillaud, ein Französischer Architekt von craterre.org, transformiert der Lehmbau das vorherrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell mit seinen verheerenden Auswirkungen auf unseren Planeten, auf die Menschheit und alle Lebewesen. Der Lehmbau gibt der Zivilgesellschaft, v.a. den ärmsten Bevölkerungsgruppen die Fähigkeit zurück, ihren Lebensraum selbst zu gestalten. Darüber hinaus fördert der Bau mit Lehm grundlegende Werte in unserer Gesellschaft wie Selbstermächtigung, gemeinschaftliche und partizipative Vorhaben, Nachbarschaftshilfe, Arbeitstauschbörsen, Eigenständigkeit bei der Herstellung von Baustoffen und Selbstbau. Des Weiteren setzt Lehmbau noch viele andere positive Wirkungen frei (globale Produktionsstandards, Entwicklung von Lebensräumen u.a.). Lehmbau trägt also zum gesellschaftlichen Wandel bei.
So ganzheitlich, transdisziplinär und global denken wir in Deutschland nicht, wenn wir mit Lehm projektieren oder bauen. Vielleicht sind es fehlender Mut, vorgeschobene Unkalkulierbarkeit oder die Dominanz der Bauindustrie mit ihren billigen Massenprodukten, die den Lehmbau in unseren Breitengraden nur zögerlich vorankommen lassen. Es ist aber alles da, was es zum Planen und Bauen mit Lehm benötigt – auch Leuchtturmprojekte gibt es genug. Wunderbare Organisationen wie die Europ. Bildungsstätte für Lehmbau in Wangelin, das Wir!-Bündnis Gohlem in Halle, der Schwemme e.V. in Halle, die BIWENA in Verden mit dem Norddeutschen Zentrum für Nachhaltiges Bauen oder der Dachverband Lehm e.V. tragen zur Verbreitung des Lehmbaus bei– wir müssen einfach nur noch machen!
Auch auf der Marketingbühne ist Lehm omnipräsent, und mit ihm so einige Werbeslogans, die es zu differenzieren gilt:
Lehm bringt ein gesundes Raumklima? Ja, aber: Eine Lehmfarbe in meinen 4 Wänden oder eine dünne Lage Lehmfeinputz auf den Gipskartonplatten bringen alleine noch keine spürbare Klimaveränderung. Was sie bieten, ist eine diffusions- und kapillar offene Oberfläche – besser als jede Kunstharz- und / oder Dispersionsfarbe. Es benötigt schon 1-2 cm dicken Lehmputz an den Wänden oder noch besser Lehmmauern, Lehmfachwerk o.ä., um ein dauerhaftes gutes und gesundes Raumklima zu erleben. Also eine gute Portion Lehmmasse, die die regulierende Wirkung in den Räumen auch bewerkstelligen kann.
Lehm bindet Schadstoffe? Jein: Die große Oberfläche der Tonminerale im Lehmbaustoff ermöglicht zumindest temporär die Bindung von Gerüchen und Schadstoffen. Im Handbuch Lehmbau von Gernot Minke wird auch über Untersuchungen bezgl. Schadstoffbindung in Lehm berichtet. Ein Lehmbaustoffhersteller aus Österreich hat 2016 eine Studie zum selben Thema veröffentlicht. Aber breitangelegte Studien, die eine dauerhafte Schadstoffverminderung nachvollziehbar machen, Lehm quasi als Schadstofffilter proklamieren, fehlen. In der Baubiologie gilt der Grundsatz, dass Schadstoffemissionsquellen beseitigt werden sollten, um Schadstoffprobleme zu lösen. Lehmputz in den Räumen kann ein ausgeglichenes Raumklima schaffen und durch Feuchtigkeitsregulierung auch Schadstoffe ein Stück weit im Zaun halten, ist aber keine Allerweltslösung bei schadstoffbelasteter Innenraumluft! Die Ursachensuche der Schadstoffe und Beseitigung der Schadstoffquellen muss immer oberstes Gebot sein.
Lehm im Badezimmer? Ja unbedingt. Wie wir wissen, kann Lehm eine große Menge an Feuchtigkeit aufnehmen und nach dem Lüften wieder abgeben. Das heißt, je größer die Lehmpuztflächen im Badezimmer sind, desto besser und schneller kann er dies bewerkstelligen. Jede Fliese an der Badezimmerwand verhindert diesen Feuchteaustausch– die sich rasch ansammelnde Feuchtigkeit beim Duschen oder Baden schlägt sich auf dichten Oberflächen nieder und kann eigentlich nur noch herunterlaufen. Typisch dafür sind beschlagene Fensterscheiben und Spiegel. Man braucht keine Angst zu haben, dass der Lehmputz herunterfällt, wenn er feucht wird. Und warum muss ein Badezimmer ringsherum gefliest sein?
Kalk
Was Kalk ist mit all seinen Facetten, über die Grundlagen von Kalk, habe ich früher hier schon mal beschrieben: http://blog.baunativ.de/was-ist-eigentlich-kalk/ - das muss ja nicht wiederholt werden. Kalk ist wie Lehm ein uralter Rohstoff für Baustoffe und auch reichlich vorhanden. Natürliche Kalkprodukte mit einfachen Rezepturen tragen zu gesundem Wohn- und Arbeitsklima bei und Langlebigkeit der Bausubstanz.
Das Wissen und KnowHow über Kalk und seine Baustoffe ist jedoch weitgehend verloren gegangen – im Handwerk ebenso wie bei Herstellern und Planenden. Es müssen schon Restauratoren herangezogen werden, wenn es um die Verarbeitung von natürlichem Kalk geht. Dabei hat man bis vor nicht allzu langer Zeit den Kalkputz noch auf der Baustelle gemischt – einfach Sand und Kalk, manchmal natürlichen hydraulischen Kalk NHL und Sumpfkalk noch dazu. Im Volksmund hört man dazu auch den Begriff “Sandputz“.
Dass heute Kalkputz aber nicht gleich Kalkputz bedeuten muss, ist erstaunlicherweise manchen Akteur:innen im Bauwesen nicht bewusst. Wird ein Kalkputz verlangt, kommt meistens ein Kalk-Zementputz, manchmal mit Gipsanteilen, Siliciumdioxid oder anderen zusätzlichen Stoffen versehen zum Einsatz. Ohne dass die Beteiligten dies realisieren. Und verlockende Produktnamen wie Bio-Kalkputz, Klimasan, Klima-Kalkputz, Klima-Pro etc. lassen doch keinen Zweifel darüber, dass es sich hier um tatsächliche Kalkputze handelt. Dabei braucht es bloß einen Blick auf das Sicherheitsdatenblatt des Produktes, das online verfügbar sein muss. Es ist auf den Hersteller- oder Großhändlerseiten nicht immer einfach auffindbar, oft ist es geschickt hinter vielen Klicks versteckt. Die Sicherheitsdatenblätter sind alle gleich aufgebaut und unter Punkt 3 kann man recht schnell sehen, woraus das Produkt besteht. Wobei %-Angaben immer nur von….bis erfolgen müssen.
Das ist alles nicht verwerflich, aber auch nicht trivial. Denn nachhaltiges Bauen bedeutet, den Einsatz von Zement zu reduzieren und nur dort einzusetzen, wo er unverzichtbar ist. In unseren Wohn- und Arbeitsräumen brauchen wir keinen Zement in den Putzen, es können alle zu verputzenden Flächen mit natürlichen Luftkalk- oder hydraulischen Kalkputzen versehen werden. Selbst wenn mal höhere Druckfestigkeiten verlangt sind, ist dies mit natürlichem Kalk möglich. Nicht selten wird ein viel zu harter Kalk-Zementputz unwissend auf einen weicheren Untergrund aufgetragen.
Natürliche Kalkputze sind auch an der Fassade auf WDVS-Systemen möglich, auf Holzweichfaser- oder Korkplatten. Natürlich benötigt es hier Kalkhaftbrücken, die auch Zementanteile (meist Weißzement) haben können, deren Anteile aber möglichst gering gehalten werden.
Die Putzindustrie wartet noch mit vielen anderen, nicht natürlichen Zusätzen in ihren Produkten auf, wie z.B. Aluminiumpulver, Tensiden, sog. verarbeitungsfreundlichen Zusatzmitteln, Porenbildnern, Bioziden, Leichtzuschlagstoffen, Hydrophobierungsmitteln usw. Die Liste der synthetisch chemischen Stoffe ist lang. Deshalb ist es wichtig, speziell bei Kalkputzen genau hinzuschauen. Transparente, einfache, natürliche Rezepturen gewährleisten eine gesunde Wohn- und Umwelt.

